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WDR/POLITIKUM 
ÜBER JAKOB AUGSTEINS "SABOTAGE"
 


Wolf Lotter rezensiert Jakob Augstein „Sabotage. Kapitalismus oder Demokratie“.

(Manuskript der Radiorezension hier, Audio ist leider nicht mehr verfügbar) 

„Die Herstellung eines Farbbeutels ist keine einfache Sache. Es gibt kleine Luftballons, die man unter den Wasserhahn klemmen kann. Prall gefüllt lassen sie sich gut werfen. So eine Wasserbombe ist glatt und kühl und liegt gut in der Hand. Sie wiegt vielleicht 150 Gramm und fliegt bei gesunder Schultermuskulatur etwa 40 Meter weit. Aber wie kriegt man die Farbe da hinein?“

Diese Frage stellt uns Jakob Augstein, Verleger, Spiegel-Kolumnist und Millionen-Erbe, gleich zu Beginn seines neuen Buches. Es ist ein poetischer Einstieg, der mit der Möglichkeit von Gewalt, Aktion und Radikalität spielt. Sabotage, das heißt Handeln, mehr als ein beklagendes „Empört Euch!“. Augstein weiß, was er da tut:
„Wir werden also um die Frage nach den Handlungen nicht herumkommen.“
Ob das über die Anleitung zum richtigen Farbbeutelbau hinausgeht? Neugierig liest man den Prolog und die Einleitung, in denen Augstein immer wieder zeigen will, dass er nicht einfach dem radical chic huldigt. Dass er sich tatsächlich aufmacht zu beweisen, warum man nur eines haben kann, Kapitalismus oder Demokratie. Und dass „das System“ nicht gewaltlos zu stürzen ist. Die ersten Seiten sind, anders kann man es nicht sagen, für ein politisches Sachbuch außergewöhnlich spannend. So wie der Schluss. Da lässt sich Augstein wenigstens indirekt auf das Wort Selbstverantwortung ein, wenn er aus dem Funkverkehr der italienischen Küstenwache mit dem Kapitän des gesunkenen Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia zitiert.  Selbstverantwortung ist ein Schlüsselbegriff einer Zivilgesellschaft, die dieser Tage das Gesicht von altem Kapitalismus und Parteiendemokratie in der Tat verändert. Aber passt das zu Augsteins Ideologie? Eher nicht. Deshalb bemüht er sich gar nicht, das genauer auszuführen. Und damit sabotiert er sich selbst. 

Zwischen dem lautstark „Regime“ betitelten Teil 1 und dem Schluss fehlt ihm die Farbe für den Farbbeutel, Augstein schreibt und denkt in Schwarz-Weiss. Er müht sich und die Leser mit Armutsberichten, Definitionen, Studien der Böll-Stiftung. Oft serviertes trockenes Brot also, gespickt immer wieder mit Kalauern nach folgender Machart

Meryl Streep, die Margaret Thatcher spielte, bekam einen Oscar dafür.
Würde aber zum Beispiel Nina Hoss Angela Merkel darstellen, schreibt Augstein, dann
„gäbe es dafür nicht mal den Bambi“.

Ist das systemrelevant für die versprochene Klärung, warum es entweder Kapitalismus oder Demokratie geben kann – oder schlicht nur ein Indiz, dass Augstein ein besserer Gagschreiber als Analytiker ist. Alles, was schlecht ist, schreibt er dem Kapitalismus zu, und Gutes hat er ohnehin nicht zu berichten. Stattdessen füllt sich der Rest mit Namedropping: Angela Merkel, Thilo Sarrazin, Guido Westerwelle, Philipp (Rösler, Karl Theodor zu Guttenberg und all seine Verteidiger. Das ganze neoliberale Bestiarium, begleitet auch noch von Gaststars wie dem Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und dem Philosophen Peter Sloterdijk, den Augstein mit dem Hinweis bedenkt:
„Es ist nur ein Katzensprung von der bürgerlichen Entgrenzung zum Faschismus“. (133)

Von der Schwarz-Weiss-Malerei weichen vor allen Dingen zwei Teile des Buches ab: Es sind die „Zwischenspiele“ genannten Gespräche, eines mit dem Hamburger Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, der nüchtern dagegenhält, wo Augstein den Antikapitalismus schon als neuen Mainstream ausruft – und dafür ausgerechnet die marginalisierte Occupy Bewegung zitiert. Und heller wird es ebenfalls, wenn der Sozialphilosoph Oskar Negt fordert, dass man zur Erneuerung der Demokratie die „Begriffe wieder mit Inhalt“ füllen müsse.
Das ist guter Rat, den Augstein fürs nächste Mal annehmen sollte. Denn dann fliegen seine Farbbeutel vielleicht auch. Für dieses Mal aber gilt: Da ist einfach zu viel Luft drin.









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ZDFneo/Bambule
WACHSTUM UND KONSUM