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Buch: Die kreative Revolution

Die kreative Revolution

Murmann-Verlag, 2009
18 EURO


Es geht um die Macht. Die Kreativen lösen die Bosse ab. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts verdrängen Dienstleistungen klassische Industriearbeit, und es wird offensichtlich, dass Ideen wichtiger sind als Produkte.

Dieses Buch will zeigen, wo die Kreative Ökonomie - die Ideenwirtschaft - steht, welche Paradigmenwechsel anstehen und wie anders wir denken müssen, um diese neue ökonomische Welt nicht als Bedrohung zu verstehen, sondern zu nutzen.

Wolf Lotter hat Kreativexperten eingeladen, mit ihm eine Landkarte der neuen Wirtschaft zu zeichnen: Lutz Engelke, Peter Felixberger, Dieter Gorny, Matthias Horx, Ralf Langwost und Gesa Zimmer



Rezension


Die kreative Revolution
Süddeutsche Zeitung
Autor: Winfried Kretschmer

Früher war Kreativität die Domäne von Künstlern, heute gilt sie als Hoffnungsträger der Ökonomen. So vermessen offizielle Kommissionen bereits das wirtschaftliche Potential von Kultur- und Kreativwirtschaft. Städte buhlen um die Gunst der „kreativen Klasse”. Studien rechnen vor, dass die Wirtschaftskraft der „Creative Industries” bereits zwischen der der Automobilbranche und der chemischen Industrie rangiere. Spätestens seit die EU-Kommission das Jahr 2009 zum europäischen Jahr der Kreativität und Innovation gekürt hat, dämmert es auch Skeptikern, dass in der Kreativität die wirtschaftliche Zukunft der Industriegesellschaft liegt.
Da scheint es zu passen, dass ein Buch auf den Markt kommt, das den Titel Die kreative Revolution trägt. Doch weit gefehlt. Wolf Lotter, Redakteur des Wirtschaftsmagazins Brand eins, stimmt nicht ein in das allgemeine Halleluja. Lotter betont den Unterschied: Kreativität ist nicht der Rettungsanker des Industrialismus. Aber sie ist der Treiber für eine grundlegende Änderung der Ökonomie. Tatsächlich „geht es um eine Machtauseinandersetzung zwischen zwei nicht kompatiblen Organisationsstrukturen: industriekapitalistisch die eine, wissensbasiert die andere”.
Das ist der Grundgedanke des Buches. In neun Kapiteln und unterstützt von sieben Vertretern der Kreativitätswirtschaft und -forschung beschreibt Lotter die Transformation, in der wir stecken. Dass daraus kein konsistentes, in sich geschlossenes Bild entsteht, hat der Autor wohl beabsichtigt. Das Konzept geht auf, und das Ergebnis ist zu loben: Wer verstehen will, worum es in der Ideenwirtschaft geht, der muss dieses Buch lesen. Man findet Grundlegendes zum Wandel der Wirtschaft und eine Fülle von Einsichten in das Wesen von Ideen und in den schwierigen Prozess ihrer Gewinnung. Denn es geht vor allen um Ideen. „Kreative Tätigkeit ist ihrem Wesen nach Ideenarbeit”, schreibt Lotter. Das unterscheidet sie fundamental von der industriellen Ökonomie. Industrieproduktion ist im Kern serielle Produktion. Ihr Charakter besteht in der Reproduktion des Immergleichen. Ideen sind Unikate.
In diesem grundlegenden Unterschied, so die These Lotters, steckt der Schlüssel zum Verständnis des Wandels zu einer irgendwie um das Immaterielle kreisenden neuen Form von Ökonomie. Lotter nennt sie die „Ideenwirtschaft”. Das ist präziser als die Begriffe Dienstleistungs-, Informations- oder Wissensökonomie, die das spezifisch Neue der neuen Wirtschaftsweise nicht zu benennen vermögen. Mit der Ideenwirtschaft ist es anders. In ihr ist die Idee der schöpferischen Zerstörung des Ökonomen Joseph Schumpeter inbegriffen. Da man eine Idee nicht zweimal haben kann, ist eine Wirtschaft, die auf Ideen baut, dazu gezwungen, immer weiter voranzuschreiten und ständig Neues zu generieren.
Kreativität meint also nicht den von US-Wissenschaftler Richard Florida propagierten Aufstieg einer „kreativen Klasse”. Es geht um die Wirtschaft als Ganzes, nicht um einen kreativen Sektor. Heute strebt die industrielle Produktion stärker zu individualisierten Produkten und Dienstleistungen hin. Das Ziel: „Bedürfnisse exakt, genau, präzise zu erfüllen”, so Lotter. Genau das leistet die Ideenwirtschaft: Sie produziert solche passgenauen Ideen. Sie „verfeinert permanent und verbindet industrielle Produkte und Ideen mit individuellen, detaillierten und unverwechselbaren Bedürfnissen”. Das ist nicht mehr industrielle Produktion, wie wir sie kennen. Das ist eine andere Logik: Ideen sind wichtiger als Produkte. In einem sind sich Lotter und Florida einig: Kreativität braucht Toleranz. Eine offene Gesellschaft ist die Voraussetzung dafür, dass Wirtschaft gedeihen kann.


Quelle: Süddeutsche Zeitung online